Kinder des Regenbogens

Tanzen auch im Regen ihre Namen!

Sylvia Löhrmann und die „reflexive Koedukation“

Hallo liebe LeserInnen,

nach einem Artikel der WELT

http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article106413713/NRW-Schulministerin-fordert-getrennten-Unterricht.html

gibt es jetzt eine doch recht aufgeregte Diskussion über die Koedukation. Die Piraten werfen Sylvia Löhrmann ein „bemerkenswert sexistische[s] Klischee“ vor und Klaus Hammer, Koordinator im Arbeitskreis Bildung NRW, bezeichnet es in einer PM weiter als rückschrittlich und peinlich. Stattdessen sei es „ gut und sinnvoll, Schülern entsprechend ihrer Interessen und ihrer Vorkenntnisse Bildungsangebote zu machen“ und fordert statt Sexismus „differenzierte Bildungsangebote“.

Für mich schmecken die Angriffe etwas sehr nach Revanchismus und parteipolitischer Motivation.

Meine Sicht der Dinge will ich jetzt skizieren. Ich war im Süden der Republik auf 5 Schulen und habe zum Teil negative Erfahrungen mit der Geschlechtertrennung in Sport und Werken vs. Hauswirtschaft gemacht, allerdings relativ kurzzeitig auf einer Hauptschule

Danach war ich auch u.a. auf einer Ganztagsschule mit einem ganzheitlichen inklusiven Konzept, mit Inklusion von körperlich beeinträchtigten SchülerInnen etc. Alles sehr vorbildlich und gut unterstützt und bejubelt. Wir hatten eine tolle Ausstattung und Unterstützung mit SozialarbeiterInnen nur für unsere Schule und guten Kooperationen. Gut ausgearbeiteten Konzepten zur Förderung der einzelnen SchülerInnen, persönliche Entfaltung, eigene Interessen verwirklichen und fördern über differenzierte Bildungsangebote, gerade auch im Unterricht etc. Eine Modellschule mit unterschiedlichen Schulzweigen, da es im Süden eben so etwas wie Gesamtschulen nicht gab.

Dabei sind mir allerdings viele Dinge aufgefallen, die bei einer Umsetzung solcher Konzepte wohl häufig auftreten dürften. Und auch meine Erfahrungen an den anderen Schulen und deswegen habe ich doch eine etwas andere Sichtweise (bin allerdings kein Pädagoge oder so und ist natürlich sehr subjektiv):

Erstmal hatte sich bei mir bei dieser konservativen Geschlechtertrennung mit Werkkunde und Hauswirtschaftskunde die Trennung nach einer Erweiterung durch andere Wahlmöglichkeiten, wie Französisch, Spanisch schon selbst in großen Teilen erledigt. Hauswirtschaftskunde wurde eigentlich nur noch von SchülerInnen gewählt, die mit vergleichsweise wenig Aufwand gute Noten wollten. Das waren zum großen Teil leider klischeehaft auch Jungen. Beim Werken gab es trotzdem noch eine leichte Tendenz mit mehr Jungen und bei den Sprachen der Mädchen, aber nicht sonderlich stark.
Diese alberne konservativ-rückwärtsgewandte Trennung, dass Mädchen lernen sollen, wie sie Knöpfe annähen können etc. und Jungs, wie sie Löcher bohren können etc. war bei mir de facto nicht mehr so gegeben. So eine Trennung war Mist und ist bestimmt nichts, worauf Sylvia Löhrmann anspielen wollte. Überhaupt ist der Kontext Sylvias Äußerungen nicht beachtet worden.

„Schluss mit Monoedukation: Wenn sich eine Mädchenschule öffnet“

 

http://www.news4teachers.de/2012/06/schluss-mit-monoedukation-wenn-sich-eine-madchenschule-offnet/ 

 

Leider wurde im WELT-Artikel überhaupt nicht Kontextualisiert, was ich hier notwendig gefunden hätte.
Sylvia war selbst an dieser Mädchenschule, einer Ordensschule, die jetzt gerade beschlossen hat die Koedukation einzuführen. Sylvia hat jetzt nicht die Einführung oder die Koedukation generell negativ gesehen, ganz und gar nicht, und hat auch nicht die Monoedukation verteidigt. Sie hat sich ausdrücklich auf das Konzept der „reflexive Koedukation“ bezogen, welches ich durchaus interessant und zumindest betrachtenswert finde (bin aber auch nicht ganz überzeugt, aber wegen meiner eigenen Erfahrungen bin ich da vielleicht nicht ganz so skeptisch, wie andere hier) und in diesem Kontext der Öffnung einer reinen Mädchenschule diese Aussagen getätigt.

Die „reflexive Koedukation“ wurde entwickelt, um neue Wege aus der Konstruktion des Geschlechts/Gender aufzuzeigen.

Ein paar Basics zum Konzept finden sich beispielsweise hier: „Gender und Schule“

http://www.genderundschule.de/index.cfm?C79473F5E4DA11D6B42C0080AD795D93

Auch interessant ist hierzu die Broschüre des Bildungsministeriums NRW:

http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Lehrer/Gleichstellung/Koedukation21/Koedukation-Broschuere.pdf (allerdings schon von 2006, also nicht unter Grüner Regierung)

Bei meinen persönlichen Schulerfahrungen war es bei dem „gelebten“ ganzheitlichen inklusiven Konzept so, dass alles immer toll klang, aber immer wieder ungewollte Dinge aufgetreten sind. Keine/r wollte hier eine Trennung von Mädchen und Jungen und trotzdem kam es de facto bei der Umsetzung ständig ungewollt vor.

Prinzipiell ging es darum, den Unterricht gender-reflexiv zu gestalten und natürlich bestenfalls gemeinsam mit beiden Geschlechtern zu gestalten. Das war der theoretische Idealfall, nur beim Praktizieren gab es Probleme.

Sportunterricht: Wir hatten natürlich keinen getrennten Sportunterricht, sonder mit den Para-Klassen zusammen, auch der anderen Schulzweige. Wir hatten tolle Hallen und konnten viele verschiedene Blöcke anbieten, aus denen mensch wählen konnte. Die individuellen Interessen konnten breit ausgelebt werden und das war eigentlich toll. Kein Bock auf Fußball, dann eben Basketball. Nur, kein Bock auf den Tanzblock, dann eben 0 Jungen bei solchen Wahlmöglichkeiten und bei anderen so gut wie keine Mädchen. Hier war ständig eine Geschlechtertrennung, die mit den höheren Klassen aber schwächer wurde.
Auch jetzt an der Uni beim Hochschulsport kann ich das gleiche beobachten. Bei Aquafitness war ich der einzige Mann und meistens soll es da überhaupt keine Männer geben. Bei anderen Kursen soll es auch häufig „Geschlechtertrennung“ ungewollt geben. Auch bei Referaten/Arbeitsgruppen etc. beobachte ich gewisse Geschlechtercliquen-Tendenzen.

AG’s: Im Computerclub o.ä. waren keine Mädchen, in etlichen anderen AG’s keine Jungen. Geschlechtertrennung war ständig das Ergebnis von freier Wahl. Nicht gewollt, aber im Ergebnis leider so. Ich glaube nicht, dass das am biologischen Geschlecht liegt, sondern am Sozialen und die Konstruktion von Gender schlägt hier voll durch, auf negative Art und Weise.

Deutsch: Selbstorganisiertes Lernen (SOL) zur Stärkung der individuellen Selbstständigkeit wurde ganz groß geschrieben. Wir bekamen gerade keine Frontalunterricht, bei dem alle gleich behandelt werden, sondern Gruppenarbeiten nach Interessen etc., Präsentation, Diskussion… aber auch hier, ein Buch das gerade angesagt war (bei den Mädchen leider fast immer andere als bei den Jungen) dann entstanden hier Geschlechtergruppen, bei denen eine starke Geschlechtertrennung herrschte. Dann gab es eben getrennte Gruppen in einer Klasse zur Bearbeitung bestimmter Themen – auch unter verschiedenen Aufgabenstellungen. So etwas kam sehr häufig vor, und leider sehr oft durch die Interessen der SchülerInnen ungewollt geschlechtergetrennt. Damit jetzt konstruktiv umgehen versuchen und diese Art des Unterrichts trotzdem als geeignet für besseren Lernerfolg zu sehen auch wenn zeitweilig eine Geschlechtertrennung entsteht, halte ich nicht für rückwärtsgewandt.

Und hier kommen eben Konzepte wie die „reflexive Koedukation“ ins Spiel.
Ich kenne das Konzept nicht gerade gut, aber laut Wiki: „Viele Ergebnisse deuten darauf hin, dass in der koedukativen Umgebung ein größerer Druck für die Jugendlichen besteht, sich der hergebrachten Geschlechterrolle anzupassen. Um dem entgegenzuwirken, wird die „reflexive Koedukation“ propagiert, bei der die Lehrkräfte die Unterschiede thematisieren sollen. Dadurch sollen den Schülern die Mechanismen ihrer Entstehung bewusst werden, was den Druck zur Übernahme der Rollen vermindern soll. Manche Schulen unterrichten Mädchen und Jungen auch temporär getrennt, vor allem in solchen Fächern, in denen sich geschlechtsspezifische Leistungs- oder Interessenunterschiede zeigen.“
Klingt für mich nicht unbedingt dumm, sexistisch oder rückwärtsgewandt und bei solchen Sachlagen zumindest diskussionswürdig, gerade wenn mensch diese Art des Lernens als progressiver sieht, als den klassischen Frontalunterricht.

Gleich mit der Sexismus-Keule um sich zu schlagen ist hier nun wirklich nicht hilfreich für eine sachliche Debatte und wird der Problematik auch überhaupt nicht gerecht.

Chemie: War bei mir in der Oberstufe Pflicht-LK. Daher viele LK’s und 2 Stunden die Woche waren „Praktische Anwendungen“. Kleine Gruppen, also viele unterschiedliche. Konnte wieder gewählt werden. Alkohol destillieren, Rauch-Knall-freudige Experimente gemacht werden, in der Schulküche backen, Emulsionen erstellen etc. Sehr viel. Und was war das Ergebnis? Mädchen mischten sich Emulsionen / Cremes etc., gingen also in die Kosmetikschiene o.ä. und die Jungs machten andere Anwendungen. Gab es wieder eine Trennung. Anwendungsbezogen nach individuellen Interessen getrennt führte im Ergebnis zu einer Geschlechtertrennung. Trotzdem fand ich die Konzepte angenehm und gut, auch wenn ich eigentlich Geschlechtertrennung ablehne.

Aber diese Geschlechtertrennung bei der Praxis und Emulsionen etc. wurde natürlich gender-bewusst thematisiert und die sich hier zeigenden hergebrachten Geschlechterrollen nicht einfach so hingenommen. Selbst diese Trennung wurde als Chance begriffen und versucht für eine Verbesserung zu nutzen. Hier ging es ja nicht um eine Geschlechtertrennung der Trennung wegen, sondern als ungewolltes Resultat der gesamtgesellschaftlichen Gender-Problematik, die leider nicht so einfach überwunden werden kann. So mächtig ist Schule leider nicht. Sie kann ihren positiven Beitrag leisten und sollte ihr möglichstes tun und das wurde hier mMn sehr konstruktiv und leidenschaftlich getan.

Daneben war das Konzept extrem erfolgreich. Beim Zentralabitur war mein LK der mit dem besten Durchschnittsergebnis in ganz Baden-Württemberg, dicht gefolgt von den anderen LK’s an meiner Schule und mit deutlichem Abstand zu den besten LK’s der „konventionellen“ Schulen. Auch soll es diverse Studien geben, die den Erfolg evaluiert haben, ich allerdings selbst nur vom Hörensagen kenne. Ein größerer Bildungserfolg scheint messbar zu sein, auch wenn es temporär zu einer Geschlechtertrennung bei den “Praktischen Anwendungen” durch die unterschiedlichen Interessen kam.

Informatik: Kein einziges Mädchen hat Informatik als Wahlpflicht gewählt. Hier gab es die krasseste Geschlechtertrennung und die Jungs waren bei ihren Vorkenntnissen traditionell deutlich vor den Mädchen und dieser “Knowledge Gap” bei Technik, Informatik etc. wurde so sogar noch weiter vertieft und nicht abgebaut. Tja, freie Wahl nach Interessen und Vorkenntnissen bei den Bildungsangeboten…

So, wie soll jetzt damit umgegangen werden? Die individuellen Wahlmöglichkeiten abschaffen? Quoten einführen? Anders versuchen, die Trennung zu verhindern, die mensch eigentlich gar nicht wollte, aber beim Praktizieren der Konzepte leider nach meiner persönlichen Erfahrung häufig entstanden? (Vielleicht auch nur „Kinderkrankheiten“, aber glaube ich eigentlich nicht.)
Oder aktiv damit umgehen, thematisieren, die Entstehung der Mechanismen diskutieren und Gender-Auswirkungen durchbrechen versuchen und Konzepte wie die “reflexive Koedukation”, die hierfür entwickelt wurden zumindest mal ansehen (einfach Hinnehmen ist für mich keine Option). Da die genderspezifischen Interessen nun mal leider da sind, könnte mensch sie auch aktiv nutzen und ihre Existenz akzeptieren und mit ihnen problemlösungsorientiert umgehen, wenn sie schon nicht beseitigt werden konnten. Durch ignorieren verschwinden sie auch nicht. Beispielsweise eine AG zum Computer für Blogs über Pferde oder Justin Bieber initiieren versuchen, falls dafür bei gewissen Kindern (Mädchen) ein großes Interesse besteht und sie sich darüber begeistern ließen. Genderspezifische Interessen bestehen nun mal leider. Klar, erstmal wieder eine Geschlechtertrennung, aber dann könnte hierüber auch Mädchen für das Wahlpflichtfach Informatik begeistert werden oder Jungs erstmal über Breakdance für den Tanzblock. Über ein Thema, bei dem sich die SchülerInnen begeistern können, lernt es sich durchaus besser glaube ich, auch wenn es sich dann de facto bei den Begeisterungsthemen zu einer deutlichen Geschlechtertrennung kommt, die leider auf einseitige Weise schon da war.

Ich habe auch bei so einer Trennung durchaus Bauchschmerzen und bin auch nicht ganz überzeugt von den Trennungen. Für mich spricht für diese Konzepte, dass sie problemlösungsorientiert sind und sich den Problemen in der Praxis stellen und sie nicht einfach ignorieren, obwohl der theoretische Idealfall doch so gut klingt. Wenn es wie im theoretischen Idealfall wäre und mensch den Unterricht einfach gender-reflexiv gestalten müsste und immer gemeinsam mit beiden Geschlechtern gestalten könnte, wäre es super und wir bräuchten diese anderen Konzepte gar nicht. Leider sind wir meilenweit von dieser Postgender-Idealwelt entfernt. Ich bin da etwas desillusioniert, dass das so einfach umzusetzen ist. Auch wenn Geschlechterrollen so früh wie möglich reflektiert werden etc., schon im Kindergarten, werden sie nicht einfach verschwinden. Das alles gehört natürlich zum Konzept der „reflexiven Koedukation“, wird aber nicht reichen. Das alles wurde bei mir leidenschaftlich praktiziert, aber hat noch bei Weitem nicht gereicht. Deswegen gibt es bei der “reflexiven Koedukation” auch die Möglichkeit einer temporären Trennung, was nur ein minimaler Bestandteil des Konzeptes ist und auch als eine Art “Verzweiflungtat” gesehen werden kann.

Geschlechterspezifische Stereotype werden auch bei einer Optimierung der Lehrpläne und einer super Ausbildung der Pädagogen in gendersensiblen Unterrichten noch wirkungsmächtig sein und bei freier und individueller Wahl durchschlagen. Die Schule wird es nicht schaffen, diese großen Probleme zu beseitigen, die wir mit geschlechterspezifischen Stereotypen hier haben. Und in solchen Fällen kann eine temporäre Trennung durchaus Sinn machen, wenn sie flexibel gestaltet ist und natürlich nicht fest verankert wird, wie es bei einer richtigen Trennung in die Fächer “Informatik für Jungen” und “Informatik für Mädchen” der Fall wäre.

Um den Gedanken, bei dem ich auch Bauchschmerzen habe, noch mal zu konkretisieren. AG’s werden nicht von den Pädagogen vorgesetzt, sondern entstehen an Projekttagen/-wochen. Hier wird neues aus den Interessen der Kinder zusammen erarbeitet. Also es wird gemeinsam überlegt, was zum Computer gemacht werden könnte. Kommt mensch dann zu „Blogs“ wird überlegt, worüber. Das müssen die Kinder selbst nach ihren Interessen machen. Will dann eine Gruppe eine Blog zu Justin Bieber machen, dann wird das wohl fast eine reine Mädchengruppe sein. Bisher war es so, dass hierzu nur Jungen etwas gemacht haben und auch nur nach „Jungeninteressen“. Wenn es jetzt AG’s mit „Mädcheninteressen“ gäbe, dann könnte mensch sie zusammen im Computerraum organisieren. Eine Seite die „Jungen AG“, auf der anderen Seite die „Mädchen AG“ und bei allgemeinen Sachen und Erklärungen kommen alle in der Mitte um den großen Tisch zusammen. Immer noch eine Geschlechtertrennung, aber eine „bessere“, denn nun besteht schon Kontakt und aus dieser Ausgangsposition lässt sich viel besser aufbauen, um möglichst dahin zu kommen, dass ein gemeinsamer, gender-reflexiv gestalteter Unterricht entsteht. Nur als flexibler Zwischenschritt um zumindest dahin zu kommen, wo wir bei meiner Ex-Schule und Chemie schon waren. Auch dann noch nicht optimal, da bei den individuellen Interessen und Anwendungen immer noch die geschlechterspezifischen Stereotype reinspielen und weiterhin wirkungsmächtig sein werden, wie bei den Emulsionen in Chemie. Es ist aber durchaus zumindest ein pragmatischer Fortschritt und konstruktiver Umgang mit der Problematik.

Der „Girl’s Day“ ist eigentlich auch eine Form der temporären Geschlechtertrennung, aber mit bewussten und aktiven Umgang mit den geschlechterspezifischen Stereotype der „Männerberufe“ und den unterstützen wir Grüne und auch die Piraten durchaus groß und medienwirksam.

Die Problematik sehe ich nicht genuin an den pädagogischen Konzepten, sondern an der gesamtgesellschaftlichen Gender-Problematik und der omnipräsenten geschlechtsspezifischen Stereotypen, die natürlich auch in die Schule einwirkt und von den Konzepten beachtet werden müssen. Die Gesellschaft ist nicht postgender und pädagogische Konzepte können nicht so tun, als ob die Gesellschaft so wäre und die Realität die reinspielen wird ignorieren versuchen. Sich diesen Problemen bewusst zu stellen, beispielsweise auch durch „reflexive Koedukation“ um mit eigentlich ungewollter de facto Geschlechtertrennung konstruktiv umzugehen, könnte sinnvoll sein. Müsste genauer untersucht werden, Studien dazu kenne ich nicht und auch das Konzept nur extrem oberflächlich, aber will ich nicht direkt als rückwärtsgewandt oder als sexistisch ablehnen. Auch kenne ich Sylvias größere Sicht darauf nicht, noch wurde dies bei dem WELT-Artikel sonderlich deutlich und würde mich auf eine ausführlichere Argumentation von ihr hierzu freuen. Das abzulehnen, vielleicht erstmal da das doch sehr negativ konnotierte Wort „Geschlechtertrennung“ gefallen ist, wird der Sache mMn nicht gerecht.
So, jetzt habe ich doch viel stärker PRO argumentiert, als ich wollte und ein abschließendes Urteil will ich mir eigentlich noch gar nicht erlauben.  ;-)
Ich verwehre mich nur gegen die Angriffe, dass diese Konzepte sexistisch oder rückwärtsgewandt seien. Das sind sie nicht. Vielmehr sehe ich hier flexible Modelle, bei denen gerade eben keine pauschale Trennung nach Geschlecht das höhere Ziel ist. Das ist kein antiquiertes Konzept, wie von den PiratInnen unterstellt.

Konkret heißt es zur Zielsetzung bei “Gender und Schule”:

“Mit dem Modell der reflexiven Koedukation soll die koedukative Praxis reflektiert, weiterentwickelt und neu gestaltet werden. Zielsetzung ist:

  • ein gleichberechtigtes Zusammenleben und -lernen beider Geschlechter zu erreichen
  • geschlechtsstereotype Rollenzuweisungen aufzulösen und alle notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen zu fördern (z.B. bei Mädchen Selbstbewußtsein und Durchsetzungsvermögen, bei Jungen Sozialkompetenz, das realistische Einschätzen ihrer Fähigkeiten und gewaltfreie Konfliktlösung)
  • ein positives Verständnis von männlicher und weiblicher Identität zu ermöglichen und Unterschiede ohne Benachteiligung erlebbar zu machen, d.h. die unterschiedlichen Erfahrungen, Verhaltensweisen, Einstellungen und Vorlieben von Jungen und Mädchen zu respektieren
  • für beide Geschlechter ein breit orientiertes Berufsinteresse zu entwickeln, sie auf ein Leben in Beruf und Familie vorzubereiten, um einengenden Lebens- und Berufsentwürfen entgegenzuwirken

Reflexive Koedukation nimmt die Genderperspektive ein und berücksichtigt, dass Jungen und Mädchen unterschiedlich lernen und unterschiedliche Interessen und Voraussetzungen mitbringen. Alle Elemente der pädagogischen Praxis sollen daraufhin überprüft werden, ob sie die bestehenden Geschlechterverhältnisse stabilisieren, oder ob sie zu einer kritischen Auseinandersetzung und zu ihrer Veränderung beitragen.”

Wenn die Piraten gegen die “reflexive Koedukation”stellen, auf die sich Sylvia mit ihren Äußerungen explizit bezog und fordern, es sei „ gut und sinnvoll, Schülern entsprechend ihrer Interessen und ihrer Vorkenntnisse Bildungsangebote zu machen“ und die Probleme bei der Umsetzung einfach ignorieren, dann muss ich leider sagen, dass das zu kurz gedacht ist und die Gender-Problematik bei den geschlechtsspezifischen Stereotypen bei den Interessen übersehen wurde. Es kann bei diesen Bildungsangeboten nach recht freier Wahl der individuellen Interessen und Vorkenntnisse sogar dazu führen, dass die Geschlechterstereotypen noch verfestigt werden. Denn haben Mädchen an einer klassisch-konservativen Mädchenschule Sport, so müssen sie den klassischen Sport machen, auch mit Fußball etc. Können sie frei wählen, können sie auch nur die “Mädchensachen” nach ihren Interessen wählen und der Sportunterricht wird zu einem viel klischeehafteren “mädchenhaften Tanz- u.ä.” Unterricht.

Natürlich sind die Themen für die sich Jungs und Mädchen begeistern können zum Glück nicht so schablonen-/klischeehaft, wie von mir dargestellt, aber leider gibt es hier starke Tendenzen und bedauerlicherweise ist Geschlecht als Kategorie offensichtlich sehr wirkungsmächtig und kann bei Wahlfächer bzw. die individuelle Wahl dazu führt, dass geschlechterspezifische Stereotype verfolgt werden. Natürlich bricht das teils auf und auch Mädchen begeistern sich beispielsweise schon länger immer mehr für den attributierten „Jungensport“ Fußball etc. Gibt durchaus positive Entwicklungen, aber das Grundproblem ist immer noch da, auch wenn von mir etwas überspitzt und stark vereinfacht dargestellt.

Daneben ist das natürlich meine persönliche Meinung nach meinen Erfahrungen zum Thema und nicht etwa die Meinung der Grünen. In der Mailingliste wurden Sylvias Äußerungen auch sehr negativ von den meisten sich äußernden Grünen aufgenommen und vielleicht schreibt ja auch wer noch ein Kommentar zu einer anderen Sicht aus diesen Reihen. Pluralismus in der Partei ist ja auch sehr wichtig und würde mir hier gefallen, da ich selbst auch noch nicht überzeugt bin und an vernünftigen, substanziellen Gegenpositionen gute Orientierung finden könnte.

Bestens, Ben.

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